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Wenn Worte fehlen, …
… beginnt der körper zu sprechen.
Lesezeit: 7 Min.

von Lea-Mareen Kuhnle
Tanztherapie ist eine Therapieform, die in vielen Regionen noch immer wenig bekannt ist, die aber genau dort ansetzt, wo Sprache oft nicht mehr weiterkommt. Romy Nießner hat sich genau diesem Ansatz verschrieben. Die 36-jährige Weidenerin verbindet in ihrer Arbeit das, was im Alltag häufig getrennt gedacht wird: Körper und Psyche.
Leise Musik erfüllt den Raum. Keine Spiegel, kein Leistungsdruck, keine vorgegebenen Schritte. Stattdessen vorsichtige Bewegungen, ein erstes Ankommen im eigenen Körper. Vielleicht ein Zögern, vielleicht ein unsicherer Blick, vielleicht auch nur ein leichtes Mitwippen im Takt – und dann, ganz langsam, entsteht Bewegung. Was hier passiert, ist keine Tanzstunde, sondern Therapie. Für Romy Nießner ist Bewegung weit mehr als körperliche Aktivität – sie ist Ausdruck, Zugang und manchmal sogar Ventil. „Für viele Dinge gibt es einfach keine Worte“, sagt sie ruhig. „Und genau da setzt Tanztherapie an.“ Statt Gedanken zu sortieren oder Gefühle zu analysieren, geht es darum, sie zunächst überhaupt wahrzunehmen. Der Körper wird dabei zum Ausgangspunkt. Er speichert Erlebnisse, Emotionen und Erinnerungen – oft über Jahre hinweg, manchmal unbewusst. Wer lernt, wieder in Kontakt mit diesem Körper zu kommen, entdeckt häufig auch einen neuen Zugang zu sich selbst. Gerade für Menschen, denen es schwerfällt, über Gefühle zu sprechen, kann dieser Weg eine überraschende Erfahrung sein. Es braucht keine perfekten Bewegungen, keine tänzerische Vorerfahrung, nicht einmal Mut im klassischen Sinne. Oft beginnt alles ganz klein: ein Atemzug, ein leichtes Kreisen der Schultern, ein Schritt, der sich noch vorsichtig anfühlt.
Ankommen, spüren, bewegen
Wie eine solche Stunde abläuft, wirkt von außen betrachtet unspektakulär – und ist doch hoch wirksam. In der psychosomatischen Klinik am Chiemsee, in der Romy ebenfalls tätig ist, folgt die Tanztherapie zunächst einer klaren Struktur, die den Teilnehmern Sicherheit gibt. „Die Patienten sind dort meist sechs Wochen und haben zwei Mal in der Woche eine Gruppen-Tanztherapie bei mir“, erzählt sie. Hinzu kommen individuelle Einzeltermine. Die Menschen kommen aus einem oft fordernden Reha-Alltag, viele sind erschöpft, angespannt oder innerlich unruhig. Deshalb beginnt alles mit Ankommen. Im Kreis sitzend, auf Stühlen, Bällen oder am Boden, richtet sich die Aufmerksamkeit zunächst nach innen. Mit einem „Bodyscan“ wird der Körper bewusst wahrgenommen: Wo spüre ich etwas? Wo ist Spannung, wo vielleicht Leichtigkeit? Es geht nicht darum, etwas zu verändern, sondern erst einmal nur darum, zu bemerken, was da ist. In einer kurzen Runde kann jeder teilen, wie es ihm geht – ohne Druck, ohne Verpflichtung. Erst danach öffnet sich der Raum für Bewegung.

Foto: Stefanie Kisbauer/ Hopeinpictures
Musik erleichtert den Zugang zu seinen Emotionen und beeinflusst Bewegungen intuitiv.
Dieser Übergang ist oft der schwierigste und gleichzeitig der wichtigste. Viele Teilnehmer kommen mit der Vorstellung, nicht tanzen zu können, sich zu blamieren oder beobachtet zu werden. Genau hier setzt die Arbeit der Tanztherapeutin an. Es gibt keine festen Schrittfolgen, keine Bewertung, kein richtig oder falsch. Bewegung darf entstehen, so wie sie gerade möglich ist. Musik spielt dabei eine entscheidende Rolle. Sie ist nicht nur Hintergrund, sondern Impulsgeber, Verstärker, manchmal auch Brücke zu Gefühlen, die lange keinen Ausdruck gefunden haben. Ein vertrauter Song kann Erinnerungen wachrufen, ein ruhiger Klang das Nervensystem beruhigen, ein rhythmischer Beat den Körper in Bewegung bringen, auch wenn der Kopf noch zögert. Oft bringen die Teilnehmer eigene Musikwünsche mit – von Reggae bis Rock –, und nicht selten sind es genau diese Lieder, die etwas ins Fließen bringen.
Mehr als Bewegung
Im Verlauf der Stunde werden dann auch konkrete Themen aufgegriffen – etwa der Umgang mit Nähe und Distanz, das Setzen von Grenzen oder das eigene Körpergefühl. Dabei arbeitet Romy nicht nur mit Bewegung, sondern auch mit kreativen Elementen. Tücher, Seile, Bälle oder auch Farben und Malen können Teil des Prozesses werden. Was auf den ersten Blick spielerisch wirkt, entfaltet oft eine erstaunliche Tiefe. Ein Seil kann plötzlich spürbar machen, wie es sich anfühlt, mit anderen verbunden zu sein. Wie viel Nähe halte ich aus? Wann möchte ich mich lösen? Wie gehe ich damit um, wenn jemand an mir „zieht“? Solche Erfahrungen werden nicht nur verstanden, sondern körperlich erlebt, und genau darin liegt ihre Kraft. Gegen Ende der Stunde wird es wieder ruhiger. Viele Teilnehmer sind dann müde – nicht nur körperlich, sondern auch emotional. Daraus entsteht bei den Patienten häufig der Wunsch nach einer Spannungs- oder Fantasiereise. Mit Matten und Decken schaffen sie sich einen geschützten Platz, eine Art Nest, in dem sie zur Ruhe kommen können. Die von Romy geführte Reise hilft dabei, das Erlebte nachklingen zu lassen und langsam wieder in den Alltag zurückzufinden. Gerade für Menschen mit Depressionen, die oft unter Schlafproblemen und innerer Erschöpfung leiden, ist dieser Abschluss ein wichtiger Bestandteil.
Ein sicherer Raum
Neben der Arbeit in der Klinik begleitet die Therapeutin in ihrer Praxis in Weiden vor allem Einzelklienten. Hier ist die Arbeit noch individueller, intensiver, stärker auf persönliche Themen ausgerichtet. Und doch bleibt das Grundprinzip gleich: Es geht darum, einen Raum zu schaffen, in dem alles da sein darf. „Es gibt kein Müssen“, sagt sie. „Aber alles darf sein.“ Diese Haltung prägt ihre gesamte Arbeit. Sicherheit, Vertrauen und Wertfreiheit sind für sie die Basis jeder therapeutischen Beziehung. Gerade Menschen, die vielleicht lange das Gefühl hatten, nicht „richtig“ zu sein, erleben hier etwas Neues: dass sie so, wie sie sind, angenommen werden – mit all ihren Gefühlen, auch den unangenehmen, den schambehafteten, den widersprüchlichen.
Die Frage, für wen Tanztherapie geeignet ist, beantwortet die 36-Jährige deshalb bewusst offen: für jeden, der bereit ist, sich selbst zu begegnen. Besonders häufig arbeitet sie mit Menschen, die unter Depressionen, Angststörungen oder psychosomatischen Beschwerden leiden, doch auch Kinder, Jugendliche, ältere Menschen oder Schmerzpatienten profitieren davon. Selbst bei Demenz kann Musik Erinnerungen wachrufen und emotionale Zugänge schaffen, die über Sprache längst verloren gegangen sind. Und dennoch gibt es eine große Hürde, die viele zunächst zurückhält: die Angst, nicht tanzen zu können. „Das höre ich ständig“, sagt sie. „Aber dann frage ich: Was bedeutet Tanzen überhaupt? Wer bestimmt das?“ In ihrer Arbeit beginnt Tanz oft dort, wo die Erwartungen aufhören. Es kann ein Fuß sein, der im Takt wippt, ein Arm, der sich hebt, ein Körper, der sich langsam durch den Raum bewegt. Schritt für Schritt entsteht daraus mehr – mehr Bewegung, mehr Vertrauen, mehr Mut.

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Wenn sich etwas löst
Besonders eindrücklich sind die Momente, in denen sich etwas löst. Diese Momente sind nicht immer laut oder offensichtlich. Manchmal zeigen sie sich in Tränen, die lange zurückgehalten wurden, manchmal in einem Lächeln, das plötzlich wieder möglich ist. Oft sind es kleine Veränderungen, die Großes bedeuten: ein offenerer Blick, eine aufrechtere Haltung, ein Gefühl von Lebendigkeit, das zurückkehrt. Aber auch Situationen, in denen Patienten aufstampfen, laut schreien oder mit einer Schwimmnudel auf ein Kissen einschlagen sind lösende Momente.
Ein Erlebnis aus einer Einzelstunde ist der Tanztherapeutin besonders im Gedächtnis geblieben: Eine Patientin kam mit dem Thema „Grenzen setzen“ und legte sich aus Seilen ihren persönlichen Raum. Anfangs war er so klein, dass sie sich selbst kaum darin bewegen konnte. Mit der Zeit wurde er größer – und sie konnte klar aussprechen, dass Romy ihn nicht betreten darf. „Plötzlich war da ein eindeutiges Signal“, erinnert sich die Therapeutin. „Zum ersten Mal spürte die Patientin, wie nah Menschen ihr kommen dürfen – und wann ihre Grenzen überschritten sind.“ Für die sonst sehr kontrollierte Patientin war das ein zutiefst emotionaler Moment.
Diese Erfahrungen wirken oft über die Therapie hinaus. Viele ihrer Klienten fühlen sich im Alltag wieder lebendiger, finden leichter Zugang zu ihren Gefühlen oder beginnen, sich selbst bewusster wahrzunehmen. Manches davon lässt sich sogar ganz einfach in den Alltag integrieren: Musik einschalten, sich bewegen, ohne Ziel, ohne Bewertung. Die Socken ausziehen und spüren, wie sich der Boden unter den Füßen anfühlt, wahrnehmen, wie der Körper reagiert. „Man darf dabei auch albern aussehen“, sagt sie mit einem Lächeln. „Das ist völlig egal.“ Gerade in einer Zeit, in der vieles über den Kopf gesteuert wird, kann dieser körperliche Zugang eine wohltuende Ergänzung sein – ein Weg zurück zu sich selbst.
Unbekannte Form der Therapie
Noch ist Tanztherapie in der Oberpfalz wenig verbreitet. Während sie anderswo längst etabliert ist, begegnet Romy hier oft noch Skepsis oder Unwissenheit. Doch genau das möchte sie verändern. Sie wünscht sich mehr Sichtbarkeit für diese Form der Therapie, mehr Offenheit für alternative Zugänge zur eigenen Psyche. Denn nicht jeder findet über Worte Zugang zu sich selbst – und das muss er auch nicht. Manchmal beginnt Veränderung genau dort, wo man aufhört zu reden und anfängt zu spüren. Und manchmal reicht dafür schon ein erster, vorsichtiger Schritt im Takt der Lieblingsmusik.
