27. Juli 2026

Christina Anna Sperber

Im Interview

Lesezeit: 11 Min.

von Lea-Mareen Kuhnle

Christina Anna Sperber hat alles hinter sich gelassen – eine Karriere als Modedesignerin und das Leben in der Großstadt. Dabei hat die 35-Jährige entdeckt, wer sie wirklich ist. In ihrem Atelier in Sulzbach-Rosenberg verwandelt die Künstlerin Gefühle, Wunden und Erinnerungen in lebendige Kunstwerke. Wer ihre Bilder betrachtet, spürt die Freiheit, die entsteht, wenn man endlich den Mut hat, sich selbst zu folgen.

Du warst erfolgreich als Designerin, hattest sogar ein eigenes Modelabel in München – viele würden sagen: „Du hattest es geschafft“. Warum hast du trotzdem alles hinter dir gelassen?

Weil es sich falsch angefühlt hat. Früher wollte ich unbedingt Head of Design werden – gesellschaftlich gesehen das Maximum, wenn man kein eigenes Label hat. Dann kam eine Freundin und Kollegin mit der Idee für ein Modelabel, und ich stieg ein. Aber auch das war nicht wirklich meine eigene Idee. Ich arbeitete kreativ, aber immer unter dem Hut von jemand anderem. Heute habe ich eine Freiheit, die ich vorher gar nicht kannte. Oft fragt man sich: Was kann ich erreichen? – aber man hinterfragt selten, ob einen das wirklich erfüllt. Und genau das ist die Frage, die man sich stellen muss: Was erfüllt mich?

Du hast einmal beschrieben, dass sich dein damaliges Leben wie ein „goldener Käfig“ angefühlt hat. Was genau hat dir gefehlt?

Ich glaube, der „goldene Käfig“ beschreibt, dass ich nach außen alles hatte, was ich mir gewünscht habe. Auch bei unserer Modebrand dachte ich nach außen: Das bin ich, das ist toll. Aber innerlich fühlte ich mich nie wirklich darin verankert. Wir hatten kaum Budget und konnten gerade so die Kollektionen finanzieren. Ich hatte das Gefühl, mich zum Beispiel auch bei Influencern anbiedern zu müssen, und Kontakte zu Menschen aufzubauen, die ein völlig anderes Werteprofil hatten. Das passte nicht zu mir, ich fühlte mich fehl am Platz, nicht zugehörig. Ich habe mich reingezwungen, obwohl das gar nicht ich war.

Was hat dir letztlich den Mut gegeben, diesen radikalen Neuanfang zu wagen?

Ich bin für einen Monat zu einer Freundin nach Costa Rica gereist, ohne Erwartungen und ohne zu wissen, wie es für mich weitergeht. Ich hatte mich zuvor vom Label getrennt und im Urlaub gespürt, dass ich nicht mehr in die Modebranche zurück will. Denn ich habe dort Menschen gesehen, die richtig frei in sich selbst waren und sich nicht definieren mussten. Das hat mich zum Nachdenken gebracht: Was steckt in mir? Was macht mir wirklich Spaß? Was kann ich nach außen bringen? Die Zeit in Costa Rica hat mir mentalen Raum gegeben zu erkennen, dass mehr möglich ist, als das, was ich bisher gelernt habe. In Costa Rica habe ich mit Tufting, einer Handwerkstechnik, bei der man mit Fäden Bilder herstellt, begonnen. Ich habe von dort aus Kurse für zu Hause gebucht, Materialien bestellt – und habe es ausprobiert, ohne es gleich als neuen Beruf zu deklarieren. Das war mein Einstieg in die Kunst und meine erste Kollektion. Es war eine weiße Seite, ein Raum für Neugierde, und ich bin diesem Gefühl gefolgt. Kreativ zu schaffen ohne Vorgaben war ein völlig neuer Anspruch für mich. Das hat mich auf eine Weise erfüllt, die ich so vorher nicht kannte. Durch meine Entwicklung war es plötzlich eine echte Möglichkeit für mich. Es fühlte sich am echtesten an von allem, was ich bisher gemacht habe – also warum sollte ich dem nicht nachgehen?

Ich wünsche mir, dass eine Verbindung entsteht – dass das Bild etwas in den Betrachtern berührt oder an etwas erinnert, das sie vielleicht vergessen haben.

Du lebst heute wieder in Sulzbach-Rosenberg – ein bewusster Schritt zurück in die Kleinstadt. Was bedeutet dieser Ort für dich?

Am Ende habe ich mich in München so verloren gefühlt. Ich hatte das Gefühl, nur noch mit den falschen Leuten zu tun zu haben. An einen Ort zurückzukommen, an dem du weißt, dass es Leute gibt – Familie, Freunde –, die noch wissen, wie du ursprünglich warst, ist wie ein Zurückkommen zu sich selbst, zu den eigenen Wurzeln. Ich habe mich hier viel mit mir selbst beschäftigt und reflektiert, was ich früher gern gemacht habe. Denn was ich heute tue, ist auch etwas, das ich als Kind schon gemacht habe. Malen ist für mich dabei nicht nur Malen – ich war schon immer vielfältig kreativ. Dazu gehört für mich heute auch Social Media, und ein neues Projekt geht ebenso in diese Richtung: „Almost Home“ – Werke von mir als Kunstdrucke per Brief zu verschicken, begleitet von persönlichen Nachrichten.

Du sagst, du hast zu deinem „authentischen Ich“ zurückgefunden. Was bedeutet das?

Ich glaube, es ist die komplette Amplitude von freudig bis traurig, es darf jede Emotion sein. Kunst hilft mir extrem, Dinge für mich zu verarbeiten. Ich kann einfach ich selbst sein, in meinem vollen Spektrum – ich darf alles sein und alles mitbringen. Das zeigt sich auch in den Ergebnissen: total divers. Einer meiner liebsten kreativen Vorbilder, Rick Rubin, sagt, Kreativität sei wie ein Tagebucheintrag – es gäbe dabei kein Gut oder Schlecht, sie sei einfach da. Manchmal bin ich stolz auf das Ergebnis, manchmal nicht, aber alles ist wichtig, weil es zum nächsten Schritt führt.

Foto: Sara Neidhardt

Wenn du heute in deinem Atelier stehst: Was fühlst du in diesem Moment?

Das ist komplett stimmungsabhängig und davon, was man mitbringt. Nach einem Spaziergang zum Beispiel nehme ich Eindrücke der Natur mit ins Atelier, oder ich habe vorher schlechte Nachrichten erfahren und bringe die damit verbundene Traurigkeit mit. Man bringt sich selbst hinein – und genau das landet auf der Leinwand. Gleichzeitig hilft es mir, Gefühle zu verarbeiten. Selbst in der Traurigkeit kann ich etwas Schönes sehen, eine Melancholie, die neben allem anderen existieren kann.

Gibt es bestimmte Situationen, Gedanken oder Gefühle, die dich immer wieder zum Malen oder in dein Atelier bringen?

Ich habe generell immer das Bedürfnis, mich auszudrücken. Es zieht mich einfach zum Malen. Wenn ich einen richtig guten Tag habe, gehe ich oft mit einer Erwartungshaltung ran, dass heute ein richtig produktiver Tag wird. Und dann kann man natürlich auch enttäuscht werden. Manchmal ist es aber auch andersherum: An Tagen, an denen man nicht so viel erwartet, weil Malen ja nicht nur Spaß, sondern auch Arbeit ist, passiert oft das Beste. Wenn ich eigentlich gar nicht in Stimmung bin, komme ich manchmal in den richtigen Flow und kann einfach nicht mehr aufhören.

Wie sieht ein typischer kreativer Moment bei dir aus – entsteht ein Werk geplant oder eher intuitiv?

Das ist total intuitiv. Oft kommen die Ideen einfach zu mir. Vor Kurzem habe ich zum Beispiel eine Bilderserie angefangen mit Aquamarinblau – eine Farbe, die ich vorher nie benutzt habe. Kurz davor habe ich unterwegs eine Wand mit Graffiti in genau dieser Farbe gesehen und fand das total faszinierend. Ich mache mir auch oft Fotos draußen von der Natur oder anderen Dingen, die mich inspirieren. Manchmal sind das ungewöhnliche Impulse, aber genau daraus entstehen gute Sachen. Ich will mich nicht limitieren, zum Beispiel mit Farbräumen, und dann ist man oft total überrascht, wenn man sich traut, etwas Neues auszuprobieren.

Du arbeitest mit ganz unterschiedlichen Materialien – von Acryl und Öl bis hin zu Holz, Textilien und Fäden. Was reizt dich an dieser Vielfalt?

Ich glaube, man muss erst einmal viel ausprobieren, um herauszufinden, was wirklich zu einem passt. Gerade am Anfang im kreativen Bereich geht es darum, sich Skills anzueignen und ein Gefühl dafür zu entwickeln, was funktioniert und was nicht. Dabei hilft es auch, sich andere Künstler anzuschauen und zu verstehen, wie sie arbeiten – und einzelne Elemente für sich mitzunehmen. Aber diese kleinen Details, dieses „Mark Making“, entstehen oft intuitiv aus dem Moment heraus – und genau das lässt sich nicht kopieren. Für mich geht es darum, herauszufinden, was mich wirklich interessiert, ohne mich dabei festzulegen. Man sollte sich erlauben, Dinge auch wieder loszulassen, wenn sie sich nicht richtig anfühlen.

Besonders spannend ist deine Arbeit mit Nähelementen auf deinen Bildern. Wie bist du auf diese Idee gekommen?

Die Nähelemente stehen für Momente, die wir alle erleben – Dinge, die uns passieren. Eine schmerzhafte Beziehung oder der Verlust eines Menschen, das sind Erfahrungen, die wir immer mit uns herumtragen. Man kann sie sich wie Narben vorstellen. Sie machen uns aus. Wir sammeln so viele Momente, und die bleiben in uns. Ich nenne sie Wunden, weil es oft negative Erfahrungen sind, die aber auch wieder verheilen. Es geht nicht darum, sie zu verstecken, sondern anzuerkennen, dass sie zu einem gehören. Dahinter steckt viel Selbstreflexion und persönliche Weiterentwicklung. Ich beschäftige mich viel damit, wie wir als Menschen sind, und verarbeite das in meiner Kunst. Wir versuchen oft, uns nach außen perfekt darzustellen – aber die wirklich spannenden Momente sind die, die wir erlebt haben. Genau darin können sich andere wiederfinden und eine Verbindung spüren.

Begriffe wie Emotion, Verbundenheit, Transformation und Authentizität tauchen immer wieder in deiner Arbeit auf. Warum sind gerade diese Themen für dich so zentral?

Weil mich das selbst wahnsinnig fasziniert und ich darin auch mein größtes Potenzial entdeckt habe. 2018 habe ich in der Persönlichkeitsentwicklung etwas wie Magie gefunden – ich habe angefangen zu erkennen, welche Muster ich immer wieder abspule, obwohl sie gar nicht mehr zu mir passen oder mich sogar zurückhalten. Ich habe gelernt, mich Dinge zu trauen, auch wenn in meiner Familie eher Sicherheit im Vordergrund steht. Aber wenn ich spüre, dass da mehr für mich ist, dann will ich mich davon nicht mehr beeinflussen lassen. Am Ende geht es immer darum, sich selbst die richtigen Fragen zu stellen. Der Mensch ist oft bequem und meidet genau diese Fragen – obwohl das Leben so viel schöner werden könnte, wenn man den Mut hat, etwas zu verändern.

Foto: Sara Neidhardt

Deine Kunst scheint sehr verletzlich und ehrlich zu sein. Wie viel von dir selbst steckt tatsächlich in deinen Werken?

Ach, alles. Und genau das macht es manchmal so beängstigend. Gerade wenn ich mich als Person zeige, frage ich mich: Wie reagieren die Leute darauf? Welches Feedback kommt zurück? Ich verstecke mich nicht mehr hinter einer Marke – in dem Moment kommt alles direkt aus mir heraus. Das macht mich natürlich auch anfällig für Kritik. Vor allem auf Social Media, wo ich sehr ehrliche Gedanken teile, kann es sein, dass Kritik zurückkommt. Das ist verletzlich, aber auch wichtig. Denn was wäre der Punkt, wenn ich wieder jemand anderes sein oder etwas darstellen würde? Dann würde das Ganze seinen Sinn verlieren.

Was passiert idealerweise im Inneren eines Betrachters, wenn er eines deiner Werke sieht?

Ich wünsche mir, dass eine Verbindung entsteht – dass das Bild etwas in ihnen berührt oder sie an etwas erinnert, das sie vielleicht vergessen haben oder sich wünschen. Im besten Fall bereichert es ihr Leben. Kunst kann etwas total magisches haben, sie kann Raum einnehmen, selbst wenn sie ganz simpel ist. Es ist faszinierend, welchen Einfluss Bilder auf Räume und auf uns haben. Ein Kunstwerk begleitet einen jeden Tag, man steht in Verbindung damit – vielleicht gibt es auch Energie. Es ist schwer zu beschreiben, aber genau das fasziniert mich daran: Kunst ist einfach da und nimmt ihren Raum ein.

Im Frühling erschien deine neue Kollektion mit Acryl und Öl auf Canvas. Wie unterscheidet sie sich von deinen bisherigen Arbeiten?

Seit meiner letzten Kollektion habe ich mich intensiv gefragt, ob das, was ich mache, wirklich aus mir selbst kommt oder zu stark von äußeren Einflüssen geprägt ist. Gerade durch Social Media konsumiert man viele andere Künstler, bewundert sie und schaut, wie sie arbeiten – aber das kann auch giftig sein. Ich bin mittlerweile fast allen entfolgt, weil es mich zu sehr beeinflusst hat. Ich musste mich ehrlich fragen: Bin das noch ich? Dieser Prozess war wichtig, und heute kann ich sagen: Ja. Auch wenn es eine Zwischenphase gab, in der ich unsicher war, sind die neueren Arbeiten komplett aus mir heraus entstanden. Ich fühle mich sicher in dem, was ich tue, und kann frei und ungehindert malen. Die neue Serie heißt „The Inner Shift“ – sie beschreibt genau diese innere Veränderung. Es geht um die Gewissheit, dass das, was ich mache, ehrlich ist und wirklich von mir kommt. Die Kollektion umfasst neun Werke. Außerdem habe ich für mich ein Format gefunden, das Raum braucht – bewusst nicht klein. Alles andere würde sich wieder künstlich anfühlen.

Foto: privat / KI-Visualisierung

Headerbild: Sara Neidhardt
Erschienen in „#Oberpfälzerin“, Frühjahr/Sommer-Ausgabe 2026

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