24. August 2026

Kunstvoll inszeniert

Kolumne

Lesezeit: 6 Min.

von Lea-Mareen Kuhnle

Irgendwo an einer Küste in Griechenland auf einem Segelboot im vergangenen Sommer: Es war einer dieser Abende, die man nicht plant. Die Haare luftgetrocknet. Das Salz noch auf der Haut. Die Luft stand still. Und dann begann der Himmel sich zu verändern.

Foto: Lea-Mareen Kuhnle

Erst nur ein anderes Blau. Dann ein Streifen Gold. Schließlich dieses tiefe, warme Orange, das alles weichzeichnet – das Meer, die Stimmen der anderen, sogar die Gedanken. Für einen Moment schien es, als würde die Welt langsamer atmen. Und wie auf ein stilles Zeichen hin hoben sich um mich herum die Handys. Auch meins. Ich weiß noch, wie ich durch den Bildschirm sah, statt direkt in den Himmel. Wie ich versuchte, den perfekten Ausschnitt zu finden. Noch ein Foto. Und noch eins, weil die Farben sich verändert hatten.

Es ist nur ein kleiner Moment. Und doch bleibt er hängen. Vielleicht, weil er mehr erzählt, als man auf den ersten Blick sieht. Weil er etwas berührt, das wir alle kennen. Dieses leise Verschieben von Erleben hin zu Inszenieren. Und da frage ich mich: Wann genau haben wir angefangen, die Dinge nicht mehr nur zu genießen, sondern sie festhalten zu müssen? Wann wurde aus einem schönen Augenblick ein potenzielles Bild – und aus einem Bild eine kleine Bühne? Denken wir, uns würde keiner glauben? Wollen wir so viele Leute wie möglich an unserer Freude teilhaben lassen? Oder haben wir Angst, dass der Moment selbst in Vergessenheit gerät?

„Kunstvoll inszeniert“ nennt man das dann gern. Und es ist ja auch nichts falsch daran. Im Gegenteil: Die Fähigkeit, Schönheit zu sehen, sie einzurahmen, ihr Bedeutung zu geben – das ist etwas zutiefst Menschliches. Vielleicht sogar eine Form von moderner Alltagskunst. Und doch schleicht sich manchmal ein Zweifel ein. Denn irgendwo auf dem Weg vom Erleben zum Darstellen passiert etwas. Wir verlieren das Gefühl für den Moment. Für das Jetzt. Driften ab in die digitale Welt. Zu den anderen, denen man später die Fotos zeigt. Und man stellt sich die Frage, ob dieser Augenblick „zeigbar genug“ ist. Aber für wen eigentlich? Vielleicht ist das die eigentliche Frage hinter all dem Kunstvollen. Nicht, ob etwas echt ist. Sondern ob es sich noch echt anfühlt.

Vielleicht habe ich mich in all dem Kunstvollen ein Stück weit selbst verloren. Nicht komplett, nicht dramatisch – aber so ein kleines bisschen. Genug, um manchmal zu spüren: irgendetwas fehlt. Nicht mehr Schönheit. Nicht noch ein besserer Winkel. Sondern Nähe.

Ich denke oft an diesen Abend in Griechenland zurück. Nicht an die Fotos – die sehen schön aus, keine Frage. Aber sie fühlen sich erstaunlich flach an im Vergleich zu dem, was da wirklich war. Diese Wärme auf der Haut. Dieses stille Innehalten der Menschen, die mich eine Woche auf diesem Segelboot begleitet haben. Dieses Gefühl, für einen Moment einfach Teil von etwas Größerem zu sein. Das lässt sich nicht einfangen. Und vielleicht muss es das auch gar nicht.

Vielleicht liegt die eigentliche Kunst nicht darin, alles festzuhalten. Sondern darin, wieder zu lernen, etwas vorbeiziehen zu lassen, ohne es festhalten zu wollen. Und seitdem versuche ich, mir genau das ab und zu wieder zu erlauben. Nicht jedes Schöne muss festgehalten werden. Nicht jeder Moment braucht einen Rahmen. Manches darf unscharf bleiben. Manches darf unfotografiert sein. Und manches – vielleicht das Wichtigste – darf einfach nur passieren.

Erschienen in „#Oberpfälzerin“, Herbst/Winter-Ausgabe 2026
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