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Zehn Fragen an Stephanie Meiler
im Interview
Lesezeit: 6 Min.

von Max Friedl
Stephanie Meiler ist angehende Kunsttherapeutin. In ihrem „Zitronenatelier“ in Weiden begleitet sie Menschen dabei, Zugang zu ihrer Gefühlswelt zu bekommen. Sie gibt Raum und macht sichtbar, was oft unsichtbar bleibt: Gefühle, die keinen Platz haben, Gedanken, die sich nicht aussprechen lassen. Im Gespräch erzählt sie, warum gerade Frauen gelernt haben, vieles zu überdecken – und was es bedeutet, Menschen nicht zu behandeln, sondern sie zu begleiten.

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1. Was passiert mit Gefühlen, die schwer oder keinen Ausdruck finden – suchen sie sich andere Wege?
Ja, definitiv. Gefühle suchen sich immer einen Weg. Was wir in uns tragen, kommt irgendwann ans Licht – oft auf Umwegen. Das zeigt sich zum Beispiel körperlich: durch Kopfschmerzen, innere Unruhe, Hautirritationen, Überreizung oder ein diffuses Gefühl von Anspannung. Wir leben in einer Zeit, in der Gefühle oft verschleiert werden. Umso wichtiger ist es, sich auf die Suche zu machen und hinzuschauen: Was steckt eigentlich dahinter?.
2. Kreativität gilt oft als etwas „Schönes“ oder „Leichtes“ oder als „Ausgleich“. In deiner Arbeit begegnen dir aber auch negative Emotionen. Wie zeigt sich das in kreativen Prozessen?
Das ist ganz unterschiedlich und immer abhängig vom Menschen. Welche Art von Schmerz ist da? Wie lange begleitet er jemanden schon? Oder ist er gerade erst an die Oberfläche gekommen? Was ich aber häufig erlebe: Menschen werden während des kreativen Prozesses plötzlich emotional, oft völlig unerwartet. Vorher sind ihnen diese Emotionen gar nicht bewusst. Und manchmal lässt sich ein Gefühl auch nicht sofort benennen. Es zeigt sich eher im Tun. Viele kommen mit einem Thema, wissen aber nicht, wo sie anfangen sollen. Im kreativen Arbeiten beginnt sich dann etwas zu lösen – fast wie ein „Zerfließen“.
3. Gibt es Themen oder Stimmungen, die dir in deiner Arbeit mit Frauen immer wieder begegnen – oder ist jede Geschichte völlig individuell?
Jede Geschichte ist individuell – und trotzdem gibt es Parallelen. Ein zentrales Thema ist der gesellschaftliche Druck. Wie muss ich als Mutter sein? Als Partnerin? Im Beruf? Viele haben das Gefühl, einer bestimmten Rolle entsprechen zu müssen. Und wenn das nicht gelingt, entsteht schnell der Gedanke „mit mir stimmt etwas nicht“. Dieser Druck ist enorm und begleitet viele Frauen.
4. Du sprichst von „Begleitung“ statt Behandlung – was bedeutet das konkret für deine Arbeit und die Menschen, die zu dir kommen?
Ich sehe mich nicht als jemand, der vorgibt, wie Leben funktioniert. Ich begleite Menschen ein Stück ihres Weges und bei mir gibt es bewusst die Du-Form – das schafft Nähe, ohne die Professionalität zu verlieren. Ich arbeite nicht diagnostisch und urteile nicht, denn für mich steht immer der Mensch im Mittelpunkt, nicht das Problem. Bildlich gesprochen: Ich nehme Menschen an die Hand und signalisiere ihnen: Ich bin da. Du kannst dich auf mich verlassen. Es geht darum, einen Raum zu schaffen, in dem man so sein darf, wie man ist.

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5. In der Kunsttherapie geht es nicht um „schön“ oder „richtig“. Was verändert sich, wenn dieser Bewertungsdruck plötzlich wegfällt?
Die Stimmung verändert sich oft sofort.Man merkt schon beim Ankommen, wie angespannt jemand ist – manchmal sogar daran, wie die Jacke abgelegt wird. Und genauso spürt man, wenn sich etwas löst. Mein Ziel ist, dass Menschen leichter gehen, als sie gekommen sind. Und oft passiert bei der Kunsttherapie genau das: Es wird gelacht, es entsteht Erleichterung, die Anspannung lässt nach. Langfristig verändert sich auch der Umgang mit Krisen. Die eigene Wahrnehmung wird stabiler, die Resilienz wächst. Es bereitet mir große Freude zu sehen, wenn Klientinnen mit einem Lächeln gehen und wenn dieser Effekt noch nachwirkt.
6. Vor allem Frauen haben gelernt, ihre Emotionen eher zu regulieren oder anzupassen. Wie unterstützt du dabei, wieder einen ehrlichen Zugang zur eigenen Gefühlswelt zu finden?
In erster Linie, indem ich da bin. Ich höre zu, gebe Raum und bewerte nicht. Ich hinterfrage manchmal vorsichtig, aber ich ordne nichts ein. Alles, was mitgebracht wird, darf erst einmal so sein. Ganz oft geht es auch darum, den Blick auf das zu richten, was schon da ist: kleine Erfolge, eigene Stärken. Gerade Frauen neigen dazu, vieles zu überdecken oder kleinzureden, obwohl sie tagtäglich enorm viel leisten. Und was ebenfalls wichtig ist: In meiner Arbeit darf auch benannt werden, wenn etwas schwer oder negativ war. Es muss nichts beschönigt werden. Viele Frauen sind Meisterinnen darin, Gefühle zu maskieren – genau da setzen wir an.
7. Gibt es einen Moment in deiner Arbeit, der dir besonders im Kopf geblieben ist – weil er etwas sichtbar gemacht hat, das vorher verborgen war?
Ja, eine Klientin hat während einer Einheit erkannt, dass sie nichts mehr fühlt. Keine Freude, keine Trauer, einfach nichts. Das war ein sehr intensiver Moment. Auch für mich, weil ich so etwas zuvor noch nicht erlebt hatte. Gemeinsam konnten wir dieses Bewusstsein zulassen und im weiteren Prozess daran arbeiten, wieder Zugang zu Gefühlen zu finden. Zu sehen, wie sich daraus Schritt für Schritt etwas zum Positiven entwickelt, war sehr prägend.
8. „Hochsensibel“ ist für viele ein wichtiges Thema geworden – für andere wirkt es fast wie ein Trendbegriff. Wie erlebst du das in deiner Arbeit?
Ich erlebe vor allem einen hohen Leidensdruck. Viele fühlen sich „anders“, nehmen intensiver wahr, fühlen stärker – und haben gleichzeitig das Gefühl, nicht verstanden zu werden. Das kann sehr belastend sein. Oft werden die positiven Seiten von Hochsensibilität gar nicht wahrgenommen, weil der Druck von außen so groß ist. Auch hier spielt das Thema Maskierung eine große Rolle. Gefühle werden zurückgehalten, was den inneren Kampf zusätzlich verstärkt.
9. Du bezeichnest dich selbst ebenfalls als hochsensibel. Wie erlebst du deinen Alltag damit, gerade im Spannungsfeld zwischen Wahrnehmung und Abgrenzung?
Natürlich nehme ich vieles intensiver wahr und ja, ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich nehme nie etwas mit nach Hause. Deshalb ist es wichtig, gut für sich selbst zu sorgen. Für mich bedeutet das: Rituale, kreative Auszeiten, Zeit mit meinen Pferden – aber vor allem auch bewusst Ruhe. Einfach mal nichts tun. Supervision ist ebenfalls ein wichtiger Teil meiner Arbeit. Und das Bewusstsein: Ich kann nur bei mir selbst etwas verändern. Wenn ich merke, dass mich etwas belastet, dann darf ich auch meinen Umgang damit hinterfragen.
10. Das „Zitronenatelier“ ist ein besonderer Name. Welche Bedeutung hat die Zitrone für dich persönlich?
Ich liebe Zitronen, ganz einfach. Der Gedanke kam tatsächlich über ein Tattoo und den Satz: „Wenn dir das Leben Zitronen gibt …“ Mit der Zeit ist daraus eine echte Leidenschaft geworden. Freunde haben mir Zitronen mitgebracht, ich habe sie überall gesehen – und irgendwann war klar: Das gehört zu mir. Der Name ist also ganz natürlich entstanden.

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Stephanie Meiler arbeitet mit unterschiedlichen Materialien. Was davon zum Einsatz kommt, ergibt sich im Prozess.
- Acryl
- Aquarell
- Naturmaterialien
- Pappmaché
- Verschiedene Kreiden (Ölpastellkreiden, Softpastellkreiden, Zuckerkreiden)
- Jegliche Art von Collagieren
- Ton
- Filz
